Mittwoch, 17 Februar 2021 14:21

Auf die Leinwand gebannte Emotion

Andreas Christ ist nicht nur ein passionierter Maler, sondern hat auch einen guten Blick auf gesellschaftliche Themen, die er in seinen Werken auf kreative Weise verarbeitet. 

Schon nach einer Seite gibt er auf. Andreas Christ, damals neun Jahre alt, merkt schnell, dass ihm das Schriftsteller-Handwerk einfach nicht liegt. Der Cowboy-Roman, den der kleine Junge schreiben wollte, bleibt unvollendet auf seinem Schreibtisch liegen. Er versucht sich nie wieder daran.

Trotzdem werden Stift und Papier zu seinen lebenslangen Begleitern.


Bild5Nur wenige Tage später entdeckt der Grundschüler sein wahres Talent. Mit feinen Bleistiftstrichen zeichnet er in einem ruhigen Moment ein Porträt seines Vaters. Das Werk gelingt auf Anhieb und es ruft etwas in ihm wach. „Das Zeichnen hat einfach zu mir gesprochen“, beschreibt er Jahrzehnte später diesen schicksalhaften Moment.


Von nun an bestimmt die Kunst seinen Weg und prägt auch seinen Blick aufs Leben. Als er mit 16 Jahren von Schlesien nach Deutschland zieht, sind es die Farben, das bunte Treiben in den Straßen der Republik, dass ihn besonders in den Bann zieht. Während seine Altersgenossen um die Häuser ziehen, feiern und trinken, sitzt Andreas Christ zuhause und malt. Erlebnisse, Eindrücke, Ideen - alles hält er in Form und Farbe auf Papier fest. Hinter jedem Bild steckt eine Geschichte.

 

Und oft auch eine Botschaft. Seine Werke buhlen nicht um Gefälligkeit. Sie sollen aufrütteln, kritisieren, ergründen. So nimmt seine Reihe „High-Tech-Ethno“ die Schattenseiten einer technokratischen Gesellschaft in den Blick. Sie zeigt in bunten Farben Menschen, die dem Schein des blinkenden Bildschirms so verfallen sind, dass sie blind werden für ihr reales Gegenüber. Seine Serie „TV-Holics“ wird von Bild zu Bild immer schlichter – und parodiert damit den Geisteszustand der Zuschauer unter der Dauerberieselung des Fernsehens.


Der Künstler spürt aber nicht nur den tragenden Themen unserer Gesellschaft nach. Er leiht seine Stimmen auch denjenigen, die keine haben. Die jahrhundertelange Unterdrückung des Nutztiers spiegelt sich in einer Reihe, die vom Leitmotiv des Pferdes bestimmt wird. Auf jedem Bild gelingt es Andreas Christ, den Kern einer bestimmten Emotion zu treffen und ihr ein Antlitz zu geben. Entsetzen, Wut, Panik aber auch Widerstand und Aufbegehren liest man aus der Körpersprache der edlen Geschöpfe ab. „Ich bin überzeugt, dass die Tiere genauso denken wie wir Menschen – nur in ihrer eigenen Form“, erzählt er. Bild4


Selbst seinen Landschaftsgemälden wohnt ein tieferer Sinn inne. „Die Bucht von Santander“ besticht durch seine vielschichtige Schönheit. Doch unter der Oberfläche verbirgt das Farben-Meer ein trauriges Schicksal. Das Paradies, das Andreas Christ an diesem Ort fand, wich innerhalb eines Jahrzehnts einer vertrockneten Ödnis. Die Bewohner der umliegenden Dörfer hatten das Wasser abgezweigt und so die angrenzenden Wiesen voller Bäume und Blumen der Ödnis preisgegeben.


Trotz all seiner Kritik ist Andreas Christ weder zynisch noch verbittert. Zugewandt und voller Wärme spricht er von seinen Enkeln und seiner Frau, die er bereits in Kindertagen liebte. Gemeinsam mit ihr erkundete er die Welt und lernte ihre Wunder kennen. Einige davon brachte er auf die Leinwand. Der goldene Sonnenaufgang über den Bergketten der Pyrenäen, glitzernde Wasserläufe auf den Wanderwegen Spaniens. „Ich möchte die Energie der Natur einfangen. Ich male nicht, was ich gesehen habe, sondern was ich erlebt habe“, beschreibt der Künstler seine Bilder.

 

Seine Inspiration kommt von innen, sie ist in Farbe gegossenes Gefühl. Als Betrachter fühlt man sich förmlich in die Bilder hineingesogen, bis sich ihr tieferer Sinn erschließt. Andreas Christ gelingt das Kunststück, Schweres und Schönes in einem einzigen Werk zu vereinen. Er regt den Betrachter zum Nachdenken an, ohne ihn abzuschrecken. In einer Zeit der kreischenden Aufmerksamkeits-Ökonomie platziert der Künstler seine Kritik ruhig und überlegt – und setzt damit einen interessanten Impuls zur Reflexion des eigenen Handelns.

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Die neue Ausstellung „Land & schafften“ von Andreas Christ ist noch bis zum 31.12.2021 in der Wirtschaftskanzlei audalis (Rheinlanddamm 199) zu sehen. Öffnungszeiten: Mo. – Fr. 9 Uhr bis 17 Uhr.